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MESSE-SCHLENDERN IN TAIWAN

Die meisten werden mit den großen Messen Eurobike und der Interbike in Las Vegas etwas anfangen können, sind diese ja für Magazine, Händler und Endverbraucher die Stimmungsmacher für die jeweils kommende Saison. Wo aber treffen sich Hersteller und Zulieferer um zu kaufen, zu verkaufen, sowie neue Kontakte zu knüpfen?
Einen Blick hinter die Kulissen der Bike Industrie könnte Ihr erhaschen, wenn Ihr Euch das Taipei International Cycle Show Tagebuch von Jürgen Schlender, zu Gemüte führt:

Eurobike, Interbike und die Taipei Cycle Show sind weltweit die größten Fahrradmessen und gehören auch für den MTB Markt zum Pflichtprogramm. Die Messen in Las Vegas und Friedrichshafen kenne ich, da ich hier auch selbst ausstelle, allerdings hatte ich es bisher noch nicht geschafft die wichtigste Messe im asiatischen Raum zu besuchen. Dieses Jahr sollte es dann endlich soweit sein, das erste Mal auf nach Taiwan zur Taipei Cycle Show.

Ankunft in Taipei
Über 15 Stunden reine Flugzeit sind nötig, um von Norddeutschland aus an das andere Ende der Bikerwelt zu gelangen. Im Flieger kann ich auch gleich einige Kollegen aus der herstellenden Zunft ausmachen, da die Messe am nächsten Tag beginnt, wird es für das „who is who“ der Bike Branche höchste Zeit in Taiwan einzufliegen. Völlig durchgewackelt spuckt mich am Montag morgen der Jumbo endlich in Taipei aus.
Ich checke schnell im Hotel ein und bediene mich am reichhaltigen Frühstücksbuffet. Das ist aber nur so lange lecker, bis mich kleine, tote Fische auf meinem Teller ansehen.
Okay, andere Länder, andere Sitten und so spüle ich meinen fischigen Geschmack mit ordentlich Kaffee runter. Heute ist erst mal Akklimatisierung angesagt und so sehe ich mir etwas von Taipei City an. Dazu muss man sagen, wer noch nie in Asien/Taiwan war, kann sich die Dimensionen aus deutscher/europäischer Sicht nur schwer vorstellen: Die Städte sind so groß, dass es mir scheint als gehen sie ineinander über, ganz Taiwan ist sozusagen wie eine große Stadt. Reisfelder liegen gleich neben einer großen Fabrik oder alte Holzhäuser stehen neben einem verspiegelten Glaspalast. Überall wird gebaut und die Luft ist grau und schlecht. Tausende Motorroller knattern durch die Strassen, schlängeln sich durch die unzähligen Autos und LKWs. Die absolute Krönung sind aber die Massen von Fußgängern, welche sich von Bürgersteig zu Bürgersteig und von Geschäft zu Geschäft wälzen um vor der motorisierten Übermacht Schutz zu suchen.
Aber halt! Taiwan ist doch das Land, wo so viele Fahrräder gebaut werden, und ja es gibt tatsächlich welche. Aber wer nun glaubt, dass die Taiwanesen auch Bikes von Alutech fahren, der täuscht sich. Wenn überhaupt sind es alte „Hollandräder“, Klappräder oder billige MTB´s aus den Gründerjahren unsers Sportes. Meist verweisen einen erst die Aufkleber darauf, dass es sich tatsächlich um ein Mountainbike handelt. Sollte ich mir deshalb nun ernsthaft Sorgen machen, dass die Asiaten nicht mehr drauf haben? Morgen beginnt die Messe und ich bin bereits voller Erwartung und sehr gespannt auf das, was ich am nächsten Tag alles zu sehen bekomme, schließlich haben die Taiwanesen die Bikeherstellung ja nahezu perfektioniert.
Nur das mit dem Bierbrauen können sie nicht, aber dazu später mehr.

Erster Messetag:
Die Messe findet genau an der Stelle statt, wo der größte Wolkenkratzer in Asien steht, der „Taipei 101“ oder „Taipei Financial Center“. Am Morgen bin ich total entspannt, unüblich für einen Messeaufenthalt, da ich ja das erste Mal nur Besucher bin und es einen großen Unterschied macht, ob man auf einer Messe selbst ausstellt. Als Aussteller ist man immer im Stress und es bleiben viele Sachen unerledigt. Endlich öffnen die Messehallen ihre Tore und der erste Eindruck lässt mich gleich erstaunen, so groß hatte ich mir das nicht vorgestellt. Unzählige kleine Buden und Stände, so weit das Auge reicht, alles in einer Art riesigen Mall.
Es gibt einen guten übersichtlichen Hauptteil und eine leider sehr versteckte 2. Etage, sowie eine weitere Halle, die auf der anderen Straßenseite liegt. Schade für die Firmen, die dort ausstellen müssen, ein guter Platz ist für einen Hersteller, der etwas verkaufen will reines Gold wert. Im Unterschied zu der europäischen und der amerikanischen Messe ist diese hier geprägt von den eher schlichteren Ständen, die nicht so sehr auf den Endverbraucher, sondern vielmehr auf die professionelle Klientel der Fahrradbranche ausgerichtet ist. Es liegt der Geruch nach Geschäft, neuen Ideen und frischer Energie in der Luft.
Mit meinem Jetlag laufe ich gleich Dirk Stürzebecher von SRAM in die Arme und werde so über die vielen Neuigkeiten für 2007 informiert. Die Amis geben richtig Gas in Sachen Freeride, Rennrad und CC.
Eine schöne neue single crown Freeridegabel namens Totem mit 1.5 Steuerohr sowie max. 180mm Federweg und die fette Dirtgabel Argyle darf ich bewundern. Eine gute Figur liefert auch die Freeridegabel Domain ab, welche ebenfalls bis zu max. 180mm Federweg bietet und außerdem in einer U-turn Version in 115mm-160mm daher kommt. Zwei tolle neue Scheibenbremsen darf ich ebenfalls streicheln. Hier sticht auch besonders die neue 4 Kolben FR/DH Bremse heraus, welche auf den Namen CODE hört.
Auch die bekannten Schaltgruppen wurden überarbeitet und verbessert, sowie optisch aufgewertet. Sehr interessant scheint mir hier die X9 Gruppe zu sein, die nun optisch nahe an die X.O. heranreicht. Der Unterschied ist ein deutlich günstigeres Preisleistungsverhältnis und endlich ein eigener Umwerfer und neue Trigger.
Interessant für mich ist auch die Rennradgruppe. Besonders gespannt war ich auf den Brems-Schaltgriff und das was man mir nun zeigt, lässt mich hoffen, dass ich meine vollhydraulische Scheibenbremse nun auch mit dieser Schaltung kombinieren kann, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich schlendere im wahrsten Sinne des Wortes so einige Stände weiter und mir fällt erneut auf, dass sich die Taipei Cycle Show doch stark von den anderen wichtigen Messen unterscheidet. Erstens wird hier nicht so viel komisches Zeug angeboten und zweitens ist dies mehr eine Messe auf der Zulieferer ihre Produkte in großer Masse an andere Hersteller verkaufen wollen.
So treffe ich auch auf meinen Kollegen Kalle Nicolai, der hier seine brandneue G-boxx 2 an den Mann bringen will. Seine Getriebeteile sind noch so warm, dass man die letzten Arbeitsgänge der Fräse und des Schweißers regelrecht fühlen kann. Kalle erzählte mir letztes Jahr zum Bike Festival in Willingen was er neues plant, was ich damals mit großer Ehrfurcht zur Kenntnis genommen habe, erahnte ich doch welche Arbeit dahinter stecken würde. So informierte ich mich schon im Vorfeld über streng geheime, inoffizielle Kanäle, was der Kalle so in den letzten 9 Monaten konstruiert hatte, kurz vor der Messe bekam ich dann auch noch seine Pressemiteilung per Email – ich war also wirklich sehr gespannt was ich in Taipei zu sehen bekommen würde. Als ich dann vor den neuen Teilen stehe kann ich nur meinen Hut ziehen und Herrn Nicolai meinen größten Respekt zollen. Ich weiß leider auch nur zu gut was es bedeutet, wenn man so eine Idee umsetzt. Dazu braucht man schön gehörig dicke Eier und man sollte sich nicht wundern, wenn man nach vielen Wochen der Arbeit rund um die Uhr nur noch auf den Brustwarzen rumrutschen kann - Kalle das war eine Punktlandung!!!
Insgeheim freue ich mich schon darauf, dass ich bald eine neue Wildsau mit G-boxx 2 bauen darf. Der Unterschied zur ersten G-boxx mit Rohloffgetriebe, welche natürlich auch weiterhin gebaut wird, besteht darin, dass es sich im Inneren um ein eigenes Nicolai Getriebe handelt. Dieses ist kleiner, leichter und vor allem billiger. Somit ist der Visionär meiner Meinung nach einen weiteren Schritt in Richtung größerer Vermarktung gekommen, da ich bisher das größte Problem im hohen Preis der G-boxx sah.
Viele Stände weiter entdeckte ich endlich auch mal einen der Zulieferbetriebe für große Firmen wie Specialized und Treck. Ein echter Spezialist in Sachen Aluformteile. Raymond einer meiner Agenten in Taiwan macht gleich einen Termin für den nächsten Tag und ich bin schon jetzt gespannt was da wohl rauskommen wird. Ich bestelle an diesem Tag noch einige hundert Stück von verschiedenen Rohren, ordere Felgen und Sattelstützen nach, checke neue Teile aus, und diskutiere mit den Herstellern über meine speziellen Wünsche dafür.
Der 1. Tag ist fix vorbei und ich bin nach einem erstaunlich guten Geschäftsessen bei einem taiwanesischen Italiener arg müde.
Zu der leckeren Pasta gab es chinesisches Bier – auch die Chinesen können kein Bier brauen.

Zweiter Messetag
Langsam schleicht sich die Routine ein: Termine abarbeiten und zwischendurch jeden Stand genau untersuchen, ob es irgendwas neues zu sehen gibt. Dazu gehört es natürlich, sich vorher an anderer Stelle gut zu informieren. Befreundete Hersteller tauschen gerne untereinander Informationen aus und Gerüchte kreisen natürlich auch ständig durch die Luft, so sind die Jungs bei Suntour etwas irritiert, als ich ihre neue G-boxx 2 sehen will, welche nicht in den Vitrinen liegt und sich mehr als nur rein optisch von der Nicolai-Version unterscheidet.
Neues auch bei Sattelspezialist S-Qlab, die nun auch einen FR Sattel anbieten, welcher schon einige Zeit von Hans Rey und Tibor Simai gefahren wird. Dieser kommt besonders robust mit Kevlarecken und einer dicken Nase daher, wiegt dabei aber gerade mal knappe 310 Gramm und kann mittels des Popometers genau auf den Allerwertesten abgestimmt werden. Dazu müsst Ihr aber Euren S-Qlab Händler vor Ort genau befragen, denn der vermisst Euer zartes Hinterteil und bestimmt dann die genaue Sattelgröße. Somit hat der männliche Freireiter auch keine Probleme mehr mit dem drückenden Etwas zwischen den Beinen.
Am Stand von Manitou begutachte ich die neuen Federelemente. Manitou, die nach ihren argen Problemen in der Fertigung mit neuer Mannschaftsführung durch Thomas Hochstrasser in Europa und gestripptem, sowie stark überarbeitetem Programm für 2007 an den Start gehen. Hier hat man aus den eigenen Fehlern gelernt und die Komponenten machen einen sehr guten Eindruck. Besonders gefallen mir hier die neuen Federbeine und die leichte Nixon Gabel mit max. 160mm Federweg. Viele Gabeln haben neben neuen Farben, auch ein verändertes Finish an den Standrohren bekommen. Ich hoffe, dass die neuen DH-Luftdämpfer bald fertig sind, um diese in meinem neuen Slopestyle Rahmen zu testen. So quatschen der Hochstrasser Thomas und ich über diesen neuen Rahmen und dessen Namensgebung – SlopeSau schlägt er vor und mir gefällt es!
Leichtbau ist ja auch hier auf der Messe ein großes Thema und so sehe ich bei X-Fusion einige high-end Produkte: Interessante Luftdämpfer und Federbeine mit Titanfedern, sowie eine up-side-down DH-Gabel mit 200mm Federweg, welche in Kooperation mit Bionicon entwickelt wurde und auch deren Dämpfungssystem im Inneren vorweißt. Die fette und sehr robuste Gabel lässt sich somit auf bis zu 80mm Federweg absenken und eignet sich damit perfekt zum Hardcore Freeriding – Megavalanche lässt grüßen..
Ein optisches Highlight ist definitiv ein Hersteller, der Federn aus Karbon anbietet und mir nach mehrmalignem Nachfragen auch wirklich weismachen will, dass sich die Teile, die aussehen wie aufgedrehte Klapperschlangen super für Freeride und DH eignen. Ich gehe ungläubig von diesem Stand weg. Das Gespräch lässt mir keine Ruhe und ich diskutiere das Thema mit einem Karbonguro, welcher mir über die Füße läuft. Er sagt, dass es unter bestimmten Bedingungen funktioniert und so glaube ich es nun doch.
Am frühen Abend ladenTobias Hidl (SQ-Lab) und Starshot Asia zum „Bavarian Dinner“ in das noble Tower Hotel „Shangri-La´s Far Eastern Plaza“ ein. Wir dürfen uns in absolut edlem Ledergestühl mit bester Aussicht niederlassen. Aus der Marco Polo Lounge im 39 Stock ergötzen wir uns an der Aussicht auf Taipei, dazu werden Sauerkraut, Haxen und Brezeln gereicht. Es scheint allen zu schmecken und als das gute Bavaria Bier aus Erdingen in größeren Mengen die Gläser verlassen hat, klappt es auch besser mit dem Smalltalk zwischen den hier vertretenen Nationen. So stelle ich fest, dass selbst die Großen, wie die Chefs von Norco oder Tifosi Optics auch nur Menschen wie Du und Joe Breezer sind. Dem hat das bayerische Essen übrigens auch ausgezeichnet geschmeckt.
Während ich das alles zu später Stunde schreibe, trinke ich Bier aus Japan. Das Bier heißt Sapporo. Wenn mich nicht alles täuscht waren da mal die Olympischen Winterspiele und danach schmeckt es auch, nach alten Schnee – also die Japaner können es auch nicht! Dafür aber die Bayern aus Erdingen.

Heute habe ich auch gelernt, dass man sich in TW all die Leckereien, welche im Restaurant auf dem Tisch stehen, vorher ansehen sollte – da waren sie nämlich wieder, die kleinen Fischaugen … Warum muss man eigentlich ganze Fische mit Haut und Kopf essen, die gerade mal 3cm lang sind… ? Obelix würde jetzt sagen, die spinnen die Taiwanesen. Wenn ich da aber an meine Eckernförder Wurzeln denke, sollte ich es doch besser wissen: Hier gibt’s doch auch so was: Kieler Sprotten sind viel größer und werden auch mit Kopf und Schwanz im Stück gegessen. Das habe ich aber auch noch nie verstanden. Wahrscheinlich ist Kiel/Eckernförde eine chinesische Kolonie und niemand hat es bisher bemerkt.

Messetage Drei und Vier:
Highlight am dritten Tag war der Besuch bei Magura. Hier wurde in den letzten Monaten viel gearbeitet. Eine völlig neue Louise Scheibenbremse wird mir präsentiert, welche außerordentlich schön anzusehen ist, da hier einiges in Karbon gearbeitet wurde und es nun eine im Hebel integrierte Verstellmöglichkeit gibt. Neu ist auch, dass diese Bremse nur noch mit PM daher kommt. Dazu gibt für alle Magura Bremsen optional ein neues Disksystem. Eine Stahlbremsscheibe wird von einem rot eloxierten „Spyder“ aufgenommen, diese Scheiben hören auf den Namen Venti Disc, erinnert der Spyder doch stark an einen Ventilator. Die Scheiben werden für 6-Loch und Centerlock zu haben sein. Komplett neu überarbeitet wurden die Federelemente, es gibt drei CC Modelle, welche je nach Modell einen Federweg von 85mm bis 130mm liefern. Interessant ist hier das Dynamik Lock out und eine neue Druckstufe mit Plattform. Beide Systeme lassen sich optional auch vom Lenker aus bedien. Für mich eher interessant, ist die neue Freeride Gabel Wotan, die mit 36mm fetten Alu-Standrohren und, wie bei alle neuen Maguragabeln mit einem Tauchrohrcasting, namens „Double Arch“ ausgestattet ist, welches einigen noch aus der „Thor“ bekannt sein dürfte. Die mit 2400 Gramm leichte Gabel hat eine „Flight Remote“ Luftdämpfung und wird nur in 11/8“ und wahlweise in schwarz oder weiß angeboten. Voll aktiv absenkbar von 160mm auf 120mm ist sie ideal für Freerider die sich auch gerne selber den Weg nach oben erradeln.
Am Abend werde ich von meiner Agentin Joanne zu einem dicken Geschäftsessen eingeladen. Gastgeber ist ein Rohrhersteller und die gesamte Chefetage ist versammelt. Kaum steht das Essen auf dem Tisch, werden die edelsten Flaschen Whisky hervorgezaubert und es beginnt das, was ich bisher nur vom hören sagen kannte: „4 DOLLAR“ oder „Botom Up“ heißen die Trinksprüche.
Die Asiaten sind hart drauf: bester Schottischer Malt Whisky, in halb gefüllte Longdrink Gläser und dann in einem Schluck pur den Hals runter. Ich trinke nur Bier und muss im Gegenzug immer ein ganzes Glas leeren. Es wird sehr schnell ein wirklich sehr lustiger Abend mit richtig leckerem, asiatischem Essen. Ich weiß nicht mehr wie viele Gläser ich auf ex trinken muss, aber es waren so viele, dass ich am Ende keine Ahnung mehr habe, wie ich ins Hotel zurückgekommen bin.
Am letzten Messetag bewege ich mich daher auch nie zu weit von einer Toilette weg.
Klar ist, dass es das erste und letzte Mal für mich mit „4 Dollar“ war.
Schwer in Sauer (Kater) treffe ich auf Peter Denk (Scott), der mir für das nächste Geschäftsessen einen Trinktipp gibt: „Einfach den Whisky bzw. das Bier immer schön mit Tee strecken“ Na ja bei Bier ist das ja eigentlich nicht so lecker, aber im Falle der asiatischen Biersorten kann das ja eigentlich nur besser werden.

Heute ist mein zweiter freier Tag und die nächsten Tage möchte ich mir einige Fabriken meiner Zulieferer ansehen. Dafür reise ich nach Taichung City an, welches in der Mitte der taiwanesischen Insel liegt. Hier in der Umgebung hat sich fast die gesamte Bike Industrie des Landes angesiedelt. Dort angekommen treffe ich beim Bummeln auf Herrn Spank und Herrn Morewood. Wir drei diskutieren lange bei einem Latte Macchiato im Starbucks Coffey Shop über unser Geschäft und merken schnell, dass es eigentlich egal ist, wo man als Rahmenhersteller sitzt, die Probleme und Schwierigkeiten scheinen über als die selben zu sein.

Am nächsten Morgen bin ich unterwegs auf meiner Factory Tour und gleich erstaunt, als ich bei einem high-end Rahmenhersteller eine Menge bekannter Bikemarken erkenne. Deutsche, Schweizer und Amis reihen sich fein gefertigt hintereinander auf.
4000 edle Rahmen verlassen hier pro Monat von 55 Paar Händen gefertigt die Hallen.
Wer so viel herstellt, muss natürlich auch CNC Frästeile zukaufen und genau diese Zulieferer besuche ich anschließend. Auch hier wird hoch professionell in fast klinisch reiner Umgebung gefertigt, alles ist vom feinsten. Umso mehr freue ich mich, als ich bei einem Fräsbetrieb im Showroom auch ALUTECH Teile sehe. Da haben meine Agenten eine wirklich überzeugende Firma für mich beauftragt. Ich lasse neben einigen speziellen Frästeilen auch noch Rohre hier in TW herstellen und das ist unsere nächster Halt – ein Spezialist für Hydroforming Tubes.
Hier habe ich einen Auftrag für mein 8-Eck Oberrohr der Wildsau vergeben. Ich überprüfe die Musterrohre, nehme sie ab und gebe somit die Hauptproduktion für 300 Stück frei. Ein echtes Spezialrohr, welches in einem sehr aufwendigem Verfahren mit mehreren Arbeitsgängen aus einem einzigen Stück hergestellt wird. Nun ist mir auch endlich klar, warum die aufwendigen Werkzeuge hierfür immer so teuer sind. Wenn man den Aufwand mal mit eigenen Augen sieht, ist das auf jeden Fall besser zu verstehen. Warum ich solche Teile hier in Taiwan produzieren lasse, werden sich evtl. einige fragen – ganz einfach, ich habe in Deutschland keine Firma gefunden, die mir solche Teile machen kann!
Die Krönung an diesem Tage ist eine sehr große CNC-Firma, wo der Bruder des Big Bosses sich, so wie ich einst mal, sein Hobby zum Beruf gemacht hat: Angegliedert an die CNC Fertigung hat er eine Halle belegt, aus feinstem Aluminium zweisitzige Flugzeuge entstehen, die mich stark an Charles Lindhbergs „Spirit of St.Loius“ erinnern. Aber bevor ich damit fliege, breche ich mir lieber beim nächsten DH Rennen die Knochen. Trotzdem Respekt davor, dass er das macht wozu er Lust hat. Wer weiß in 10 Jahren baut er Karbonflieger für 1000 Passagiere – who knows? Jeder sollte versuchen seine Ideen zu verwirklichen.

Factory Tour Tag 2:
Wir haben ein Meeting bei Tektro. Hier bekomme ich die große Abteilung der Fertigung zu sehen, wo alle Aluschmiedeteile gefertigt werden. Das größte Monster kann mit einer Kraft von bis zu 1000to Teile formen und während die Maschine wieder ein Teil ausspuckt, bebt der ganze Hallenboden – mir macht das Teil Angst. Anschließend diskutiere ich sehr lange mit der gesamte Chefetage über einige meiner Projekte und hoffe, dass ich in Tektro einen guten Partner finden werde.


Factory Tour Tag 3
War ich doch bisher immer bestens betreut durch meinen Agenten Raymond, so bin ich heute Vormittag alleine auf mich gestellt. Heute steht ein Besuch bei SRAM auf dem Plan und lustig fängt es gleich mit der Taxifahrt dorthin an. Zum einen ist es nicht so einfach mit dem nur chinesisch sprechenden Taxifahrer den richtigen Weg zu finden und zum anderen fährt er unterwegs auf ein anderes Auto auf, was aber weder ihn noch den Unfallpartner wirklich zu beeindrucken scheint. Endlich in einem Stück bei SRAM angekommen, werde ich auch gleich von Diego Leibundgut empfangen, der zu einen Rundgang in seinem Reich ansetzt. Der Schweizer ist bei SRAM für alles zuständig, was aus Karbon gefertigt wird. Der Betrieb ist super sauber und aufgeräumt, man kann getrost vom Fußboden essen, alle achten auf Arbeits- und vor allem auf Umweltschutz. Das ist ein Novum und für Taiwan eher unüblich. SRAM hat viele Millionen in die Fabrikation gesteckt und alles wird nun komplett hier im Hause gefertigt. Für mich ist die Produktion von Karbonteilen völlig neu und so überrascht es mich wie viele Arbeitsschritte letztlich dafür erforderlich sind, bis eine Kurbel gefertigt ist. Nun verstehe ich es auch nur zu gut, warum diese Sachen immer so teuer sind! Diego zeigt mir noch stolz sein neuestes Baby, die NOIR Karbon Kurbeln für den MTB Bereich mit knapp 790 Gramm. Leider versuche ich vergeblich ihm ein Muster aus dem Kreuz zu leiern, die Hauptfertigung beginnt erst im Mai. Zum Trost bekomme ich aber einen geilen Flaschenöffner in Form einer Karbonkurbel.
Diesen Tag beschließe ich mit weiteren Überprüfungen bei Zulieferbetrieben, die aber recht unspektakulär sind.

Nun habe ich noch zwei Tage bis zum Rückflug vor mir. Endlich mal Zeit zum shoppen, ich kaufe viele Geschenke für die Familie und Daheimgebliebene ein. Zwischendurch schiebe ich noch mal einen Besuch bei einem CNC-Betrieb ein. Seit einiger Zeit kenne ich einen der Besitzer und wir verabreden uns, um einen riesigen Skate- und Streetpark mit feiner Dirtsektion abzuchecken. Unglaublich, aber es gibt sie hier doch, eine sehr kleine BMX/MTB Szene: Taiwanesen auf richtigen neuen Bikes. Das Lustige ist, dass ich bei der Gelegenheit auch die jungen Chefs von Fireeye kennen lerne. Die machen gerade erste Fahrversuche mit ihrem neuen Alu-Prototypen namens „kleine Sicherung“.
Der Besitzer des Parks, einer der besten BMXer des Landes und Downhiller der ersten Stunde, erzählt mir, dass hier auch in den Bergen einiges abgeht. Taiwans Berge sind Niemandsland und so kann dort jeder machen was er will, egal ob man den Wald mit North Shore Trails oder fetten Dirt Hügeln verbaut, eine DH oder Singletrail Strecke schaufelt, es interessieren keinen. Für uns arg gebeutelten Deutsche hört sich das wie ein Schlaraffenland an: Tagsüber 8 Std. in der Bikeindustrie sein Geld verdienen und abends im selbst gebauten Bikepark die Trails rippen gehen, ohne dass es jemanden stört. Für mich würde es trotzdem nicht funktionieren, denn zwei Wochen reichen mir hier, länger halte ich es nicht aus, man muss für dieses Land und seine Menschen geboren sein. Ihr glaubt gar nicht wie ich mich wieder auf das einsame Leben auf der Bright Lake Ranch und ein richtiges Bier gefreut habe.

Die Tage in Taiwan haben mir gezeigt, dass ich hier auch als Hersteller einer kleineren deutschen Bikeschmiede bekannter bin, als ich vorher dachte. Viele geschätzte Kollegen haben mir großen Respekt gezollt und das alleine ist es schon fast wert gewesen, die Reise zu unternehmen. Besser noch sind die vielen Menschen, welche ich bei der Gelegenheit kennen gelernt habe, einige Kontakte bringen einen schnell weiter andere vielleicht nie, aber interessant sind sie alle. Letztendlich sind es doch die Gesichter hinter den vielen Namen und Firmen, die diese Branche so interessant machen und uns jeden Tag wieder aufs neue motivieren unsere Bikes immer noch besser zu bauen.
Let’s have fun…ride on!

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