Downhill Schlendern
beim Mega Avalanche 2006
Dieses Jahr sollte es klappen, mein erstes Mal beim Mega Avalanche
in Alpe d´Huez, versuche ich es doch schon seit 10 Jahren, dieses
Rennen mit fahren zu wollen, aber immer wieder kamen wichtige Berufstermine
oder gar des öfteren Knochenbrüche dazwischen.
Zuerst ging es aber für 4 Tage in das porte de soleil, hier wollten
wir die vielen Strecken in Morzine und Les Gets schreddern.
Wir, das sind die Soulrider Hype und Maui, mein Freund und Fotograf
„Dr.VielBremst“ Christian und ich.

Die Gegend hier ist traumhaft, und in dieser Kulisse machen die tollen
Trails doppelt soviel Spaß. Unzählige Liftanlagen ergeben
eine unglaubliche Möglichkeit an Strecken, welche gefahren werden
wollen.
Wir finden schnell unsere Lieblingsstrecken und fahren diese des öfteren.
Besonders Dr.VielBremst nutzt die schwarze DH Strecke in Morzine vom
Le Plénay runter nach La Cruzaz, um sich hier einzufahren. Er,
der absolute MTB DownHill Frischling, schlägt sich tapfer und wird
von Tag zu Tag flotter. 4 Tage gehen aber schneller vorbei als wir glauben
können, möchten wir doch dieses große DH Kino hier nur
ungern verlassen, aber es wartet ja noch eine Aufgabe auf mich, und
so bin ich auch sehr froh, dass ich die ersten Tage ohne Verletzungen
überstanden habe. Wie schnell es passieren kann, wird wohl jeder
am eignen Leib schon erfahren haben. So erging es auch Hype, als er
mit mir bei einsetzendem Wetterumschwung mit wolkenbruchartigem Regen
über die total verschlammte und sehr steile Strecke direkt in einem
Baum einparkte. Glücklicherweise blieb es nur bei einer Familienpizza
unterhalb der Brust mit der schönen langen Nachspeise einer Rippenprellung…
Hart, wie ein Soulrider ist, saß er aber in Alpe d´huez
wieder auf dem Bike.
Hier habe ich mich gleich zum ersten Training einigen Jungs aus dem
Ruhrpott angeschlossen. Wir wollen die Wettkampfstrecke abfahren, welche
ich nur in einigen Teilstücken aus diversen Urlauben kannte. Meine
Tour de France verrückte Frau hat mich schon oft auf diesen Berg
geschleppt, und ich nutzte dann die Zeit auch, um hier DH zu fahren…
Wir sind eine sehr große Truppe und so kommt es immer zu langen
Unterbrechungen; wir machen sogar eine Mittagspause und sind dann fast
4 Stunden unterwegs gewesen. Der untere Teil, den ich noch nicht kannte,
war die Hölle. Was mache ich hier, warum tue ich mir das an? Habe
geflucht und vor Wut und Erschöpfung geschrieen. Diese Strecke
soll ein DH sein? Mir kommt es so vor, als ob es nur noch bergauf geht.
Zum Glück geht es dann auch wieder in spaßigen Trails schnell
runter und am Ziel frage ich mich nur, wie ich das überhaupt an
einem Stück schaffen soll. War es schlau dieses Rennen fahren zu
wollen, habe ich das richtige Bike gewählt oder ist mein Trainingszustand
nur zu schlecht? Fragen über Fragen beschäftigen mich diese
Nacht.
Am Tag 2 vor dem Rennen fahre ich mit Hype zum Schluss des Trainingstags
noch einmal den grausigen unteren Teil der Rennstrecke und siehe da,
beim zweiten Mal war es schon gar nicht mehr so schlimm.
Tag 1 vor dem Rennen findet die Quali statt. Wir starten oben an der
Bergstation Dome des Rousses auf 2820 hm und müssen runter nach
Bessey d´Oz auf 1350 hm.
Ich komme bei bestem Kaiserwetter oben am Start an. Es ist einfach irrrejaaal,
was hier abgeht. Gestartet wird in Wellen à 200 Rider und pro
Reihe stehen 15 Fahrer.
Es dröhnt laute Musik aus großen Boxen, der Starter heizt
die Meute an, der Helikopter mit den Fotografen hebt ab, der Coundown
läuft, ich habe Gänsehaut und dann der Massenstart;.einfach
nur gäääil. So, nun sind die nächsten dran. Das
bin ich. Ich fahre in Welle No. 4 und stehe in der zweiten Reihe.
Eine klasse Startposition habe ich, komme nach dem Start auch einigermaßen
gut weg und befinde mich so unter den Topp 30 nach den ersten Kilometern.
Ich überhole einige Fahrer, und als ich so denke, dass es doch
richtig gut läuft, bekomme ich schon sehr weit oben einen Durchschlag
am Vorderrad und beschließe, die Quali mit Plattfuss bis ins Ziel
zu fahren.
Gut war dieser Entschluss nicht, ich werde fast nur überholt, ich
fahre ja permanent nur wie auf Eiern, und wenn es mich dann bei hohem
Tempo in die Rabatten haut oder ich gar einen Baum küsse, ist man
nicht nur selber schuld, sondern muss sich eingestehen, dass man echt
bescheuert ist.
Zum Schluss überhole ich sogar noch 2 Fahrer und werde 141. Das
bedeutet aber für mich morgen am Renntag, dem Megavalanche in Alpe
d´Huez vom 3300m hohen Pic Blanc über 32Km hinunter in den
Ort Allemont auf 820m aus der letzten Welle zu starten. Also kein Spaß.
So soll es auch sein, fängt doch mein Run mit über
1,5Std. Verspätung fast zur Mittagszeit an.
 
Das bedeutet, ich muss mich mit den anderen Racern über
einen total aufgeweichten Gletscher runter schießen oder besser
gesagt irgendwie runter kommen. Ich freue mich auf die Schneepassage
schon seit langem, habe ich doch früher durch diverse SnowDHs gute
Rennerfahrungen sammeln können. Leider ist der Start aber gleich
für den Popo, da sich mir Fahrer aus den Reihen vor mir gleich
in den Weg werfen und ich somit auch eine Probe vom Gletschereis nehmen
muss. Fluchenderweise finde ich aber schnell eine gute Linie und überhole
dann noch sehr viele. Aus dem Schneematsch raus ging es über die
gefrorene Gletscherzunge weiter, nur um diese Uhrzeit befinden sich
da sehr viele kleine Flüsse.

Ich denke nicht viel nach und lasse es laufen, habe besten
Grip und mache weitere Plätze gut. Danach geht es über hochalpine
Steinpassagen, welche normalerweise richtig Spaß machen. Mir nicht,
denn ich glaube fast, dass ich Gott sehe. Ich habe Schwierigkeiten,
mich zu konzentrieren, mir macht die dünne Höhenluft arge
Probleme, hier ist doch sehr viel anders als bei uns daheim hinterm
Deich. So beschließe ich, durch legale Abkürzungen wieder
Boden gut zu machen. Aber gleich die Erste endet damit, dass ich etwas
zu langsam fahrend und mit nassen Reifen die Linie nicht sauber treffe
und samt Bike wie ein Frosch rückwärts in einem Bach lande.
Tolle Wurst, nun bin ich auch noch voll gebadet.
Diese Abkühlung erweckt in mir aber wieder den echten Kampfgeist.
Ich schließe schnell auf einen Fahrer vor mir auf und der will
den handtuchbreiten Weg mit all seinen langsamen Fahrkünsten verteidigen.
So ein Mist, aber irgendwie komme ich doch vorbei. Bald aber kommt der
erste starke Anstieg. Ich muss runter von meiner Wildsau0815- Light
und schieben. Schon fahren einige Biker an mir vorbei, auch danach ringe
ich wieder stark nach Luft und zwei weitere Fahrer überholen mich.
Ich bin genervt und verzweifelt. So ein Shit denke ich nur, warum bin
ich nicht fitter? Dann kommen aber die schnellen Passagen runter durch
den Ort Alpe d´Huez. Hier mache ich wieder Boden gut, kann Fahrer
überholen und mich absetzen. Nach dem Ort fährt man auf einer
längeren Passage leicht bergauf. Also nun viel trinken und einen
Energieriegel essen. Ich kann nun erkennen, dass ich unter den Top 10
fahre. Klasse, denke ich, aber die grusseligen Schiebestücke kommen
ja noch. Und so ist es auch gleich in der ersten dieser Passagen, wo
mich wieder Fahrer überholen.
Berg runter fahre ich super schnell. In einer Kurve mal wieder zu flott.
Klasse, über dem Lenker, nur nicht nachdenken und gleich weiter.
Den nächsten Sprung gezogen und der Fotograf an dieser Stelle spendet
Applaus für diese Einlage.
In dem nächsten Schiebeteil schließt mein Campnachbar, ein
schneller Engländer, auf. Ich frage ihn oben angekommen, ob er
noch kräftig genug ist, um schnell runter fahren zu können
und somit lasse ich ihm den Vortritt. Er macht eine gute Pace und fährt
mir doch glatt weg, weil ich mal wieder einem Schleicher auffahre und
das grade im schnellsten gäääil Stück der Rennstrecke.
Jegliches Brüllen und freundliches Betteln hilft nicht. Er macht
keinen Platz. So greife ich zu anderen Mitteln und fahre ihm 3mal seitlich
ins Hinterrad. Entnervt gibt er mir endlich den Weg frei. Ich gebe alles,
habe super Spaß, denke aber auch immer daran, dass die Kraft hoffentlich
noch reicht. Ich fahre etwas vorsichtiger, um dann alles im Schlusssprint
auf der Zielstrasse im Ort Allemont zu geben . Hier überhole ich
auch meine englischen Nachbarn. Ich werde mit 1.17 Std. 17. aus meiner
Welle, bin total platt und denke, so schlimm war es doch nicht, und
ich glaube, ich werde Wiederholungstäter…
Und noch ein Fazit:
Pressekonferenzen sind sehr langweilig, besonders dann, wenn sie so
lange dauern, dass die Supermärkte danach geschlossen haben und
das ALUTECH Presseteam ohne Bier ist. Wie sollen wir nur diesen Abend
überleben… ?
Presseessen hingegen sind echt lustig, wenn diese lange dauern und der
Vin Rouge in Ströhmen fließt...
Rennbericht vom Teamfahrer Christian Horstmann:
Das verrückteste Rennen, das ich je mitgemacht habe
!!!
Der „Megavalanche“ in L Alpe d´Huez ist das wohl
spektakulärste und härteste Rennen, dem man sich als Mountainbiker
stellen kann. Mittwoch Nacht starteten wir unseren Trip nach Frankreich.
Nach einer Nacht im Auto incl. Sonnenaufgang in den Alpen kamen wir
Donnerstag Morgen in Alpe d Huez an. Zwar etwas müde und kaputt,
aber unendlich motiviert, ging es zur Startnummernausgabe und anschließend
gleich zur Streckeninspektion.
Vom Lift auf 3330 Meter ü.N.N befördert, steht man im heißesten
Sommer seit Jahren mitten in einem Schneefeld. Unglaublich. Im aufgeweichten
Schnee versinkt man bis auf Nabenhöhe in Spurrillen und ist verdammt
dazu, die Reise abwärts als Passagier auf dem eigenen Rad mitzuerleben.
Der nachfolgende Teil der Strecke führt über Geröllfelder
und zum größtem Teil auf flowigen Singeltrails den Hang hinunter.
Aber leider nicht nur hinunter. Immer wieder gibt es kurze giftige Gegensteigungen
und auch eine etwa 2 km lange Flachpassage in der Mitte der Strecke.
Nach Schnee und Geröll folgen unzählige Wiesenkurven, bevor
es bei Erreichen der Baumgrenze in dem Wald richtig zur Sache geht.
Das Ziel im Tal auf 720 M ü.N.N. ist nach 32 Kilometern erreicht.
Auf einem 15 km langen Qualifikationskurs müssen am Samstag die
insgesamt 1200 Starter die Startaufstellung für das Megavalanche
Rennen am Sonntag ausfahren. Zu Gruppen von je 200 Fahrern wird man
auf die Strecke gelassen. Die jeweils 48 Ersten dieser Gruppen qualifizieren
sich für die zuerst Startende Hauptklasse am Sonntag. Mein Ziel
ist also klar. Unter die ersten 48 kommen, um am Sonntag vorne mit dabei
zu sein.
Allerdings verschätzen wir uns mit den Liftzeiten. Typischer Anfängerfehler
hier. Ich stehe etwa 90 Minuten am letzten Lift. Erwartet hätte
ich maximal 30. Nunja, voller Sorgen sehe ich die Startzeit meiner Gruppe
immer näher rücken. Irgendwann wird mir klar, dass ich es
nicht mehr rechtzeitig auf den Berg schaffen werde.
Verdammt!Und ich finde mich in Gedanken schon damit ab, am Sonntag ganz
hinten in der letzten Gruppe zwischen lauter Sonntagsfahrern starten
zu müssen. Als ich dann oben im Berg ankomme, ist es 10:43 Uh;
meine Gruppe ist bereits um 10:40 Uhr gestartet. Während die ersten
Fahrer der um 11:00 Uhr startenden Gruppen Aufstellung nehmen, nehme
ich die Verfolgung meiner Gruppe mit 3 Minuten Rückstand auf.
Nach ca. einem Kilometer Fahrstrecke habe ich den 99. eingeholt. Jetzt
gebe ich alles, um doch noch irgendwie unter die ersten 48 zu kommen.
Allerdings ist es nicht leicht, auf einem schmalen Pfad mindestens 150
Fahrer zu überholen, die alle nicht überholt werden wollen.
Nach 36 Minuten bin ich im Ziel. Als 31ster. Yeah geschafft !! Wenn
ich rechtzeitig am Start gewesen wäre, hätte ich ganz vorne
reinfahren können... Ärgerlich, aber unter den Umständen
das Beste aus der Situation gemacht.
 
Beim großen Finale am Sonntag gehöre ich nun
also zu den 350 Startern der Hauptgruppe. Nach dem 31sten .Platz in
der Quali stehe ich ungefähr im Mittelfeld. Das Rennen starten
um 9:00 Uhr. Diesmal bekommt man Liftzeiten zugewiesen. Das heißt
für mich um 6:30 Uhr am Lift stehen.
Die Stimmung am Start ist unbeschreiblich: 350 Fahrer stehen im Schnee.
Die wenigsten wissen wirklich, auf was sie sich da eingelassen haben.
Der Start-Countdown läuft. Aus den Boxen tönt AC/DC –
Highway to Hell. Über den Köpfen dröhnen die Kamera und
der Rettungshubschrauber. Dann das Startsignal:
5 – 4 – 3 – 2 – 1 GO GO GO!!
Absolutes Chaos im Schnee. Überall liegen gestürzte Fahrer.
Ausweichen? Schwer!
Ich fahre mindestens über 2 Räder. Nach und nach reihen sich
die Fahrer auf wie an einer Perlenschnur. Im Schnee mache ich Plätze
gut, auf den schmalen Singeltrails kann man nur überholen, wenn
der Vorrausfahrende stürzt oder einen Defekt hat. Nach und nach
verkrampfen sich die Unterarme immer mehr. Die flachen Passagen ziehen
die letzten Kraftreserven aus den Beinen. Nach 68 Minuten Abfahrt und
fast 2700 Höhenmetern bin ich im Ziel.
Das war das absolut anstrengenste, beste und irrealste Rennen, das ich
je gefahren bin. In der Gesamtwertung werde ich noch 95ster von 1200
Fahrern.
Christian Horstmann
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